Einleitung: der Monat, in dem das Volk seinen Höhepunkt erreicht
Zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Biologie der Asiatischen Hornisse klafft eine hartnäckige Lücke. Viele Menschen glauben, die Gefahr liege im Frühjahr, wenn die Königinnen aus der Überwinterung kommen und die ersten Primärnester bauen. Das ist falsch – oder zumindest sehr unvollständig. Der Risikohöhepunkt liegt in Frankreich im September und Oktober.
Zu dieser Zeit kann ein seit dem Frühjahr etabliertes Volk von Vespa velutina nigrithorax mehrere tausend Individuen zählen, sein Sekundärnest erreicht die Größe eines Rugbyballs oder gar einer 100-Liter-Mülltonne, und vor allem: Der Nahrungsbedarf explodiert. Das Volk bringt seine künftigen Königinnen und Drohnen hervor, was eine massive Zuckerzufuhr erfordert. Die Hornisse stürzt sich dann auf alles Verfügbare – reife Trauben, Äpfel, Birnen, Feigen, tote Insekten, Bienenstände, Restaurantterrassen.
Genau in diesem Moment beginnt in weiten Teilen des französischen Weinbaugebiets die Lese, werden die Obstgärten abgeerntet und schneiden Gärtner Hecken, in denen sich mitunter ein Nest von 60 cm Durchmesser verbirgt. Das Zusammentreffen ist zwangsläufig – und es erklärt die Häufung der Unfälle im Herbst.

Wie weit ist die Art 2026 in Frankreich verbreitet?
Um 2004 versehentlich im Département Lot-et-Garonne eingeschleppt – vermutlich über eine aus China importierte Töpferwarenlieferung –, hat die Asiatische Hornisse in rund zwanzig Jahren nahezu das gesamte französische Mutterland besiedelt. Das Muséum national d'Histoire naturelle, das das Monitoring der Art von Anfang an über das Inventaire national du patrimoine naturel (INPN) steuert, hat eine Ausbreitung von etwa 60 bis 80 km pro Jahr nach Norden und Osten dokumentiert.
Heute sind nur noch einige Höhenlagen und die kontinentalsten Randgebiete schwach besiedelt. Die Art ist auf europäischer Ebene als invasive gebietsfremde Art eingestuft (EU-Verordnung 1143/2014) und steht in Frankreich seit einer Ministerialverordnung von 2012 auf der Liste der Tierseuchengefahren zweiter Kategorie für die Honigbiene.
Der jüngste gesetzgeberische Wendepunkt: das Gesetz vom 22. April 2025 zur Bekämpfung der Asiatischen Hornisse, das einen nationalen Bekämpfungsplan einführt und einen Finanzierungsrahmen unter Beteiligung des Staates, der Gebietskörperschaften und der Imkereibranche vorsieht. Konkret bedeutet das nicht, dass die Nestbeseitigung überall kostenlos wird – die Modalitäten liegen weitgehend bei den Départements und Gemeinden –, sondern dass sich das Netz für Meldung und Übernahme strukturiert.
Zum Merken: Die Asiatische Hornisse ist kein Schädling, für den für Privatpersonen eine gesetzliche Beseitigungspflicht besteht. Die Zerstörung des Nestes ist nicht verpflichtend, wird aber dringend empfohlen, wenn sich das Nest in der Nähe eines belebten Ortes befindet.
Warum die Weinlese das Risiko bündelt
Reife Trauben sind ein Hornissenmagnet
Eine durch Hagel beschädigte Traube, ein Schnabelhieb eines Stars oder ein Wespenbefall setzt zuckerhaltigen Saft frei. Das ist ein starkes Geruchssignal. Asiatische Hornissen durchstoßen die unversehrte Beerenhaut in der Regel nicht, nutzen aber bereits geöffnete Beeren massiv – ein Verhalten, das von den Landwirtschaftskammern und dem IFV (Institut Français de la Vigne et du Vin) in den Pflanzenschutzmeldungen gut dokumentiert ist.
Der Weinleser wiederum greift in die Traube, ohne das Insekt zu sehen. Das ist die häufigste Stichursache im Weinbau: kein Verteidigungsangriff eines Nestes, sondern ein zufälliger Kontakt zwischen Hand und Insekt.
Die Verwechslung mit der gewöhnlichen Wespe
Auf einer Parzelle finden sich gleichzeitig Deutsche Wespen, Europäische Hornissen und Asiatische Hornissen. Sie unterscheiden zu können, ändert das richtige Verhalten:
| Kriterium | Asiatische Hornisse | Europäische Hornisse | Gewöhnliche Wespe |
|---|---|---|---|
| Größe | 17–32 mm | 25–35 mm | 11–18 mm |
| Thorax | Mattschwarz | Rotbraun und schwarz | Gelb und schwarz |
| Abdomen | Dunkel, ein breiter gelb-oranger Ring | Gelb mit schwarzen Streifen | Leuchtend gelb mit schwarzen Streifen |
| Beine | Sehr deutlich gelbe Enden | Braunrot | Gelb |
| Nachtaktivität | Nein | Ja (vom Licht angezogen) | Nein |
Das zuverlässigste Merkmal im Gelände bleiben die gelben Beinenden an einem insgesamt dunklen Körper. Die Europäische Hornisse ist faktisch geschützt und ausgesprochen nützlich: Ihr Nest darf nicht irrtümlich zerstört werden.
Das in der Vegetation versteckte Nest
Sekundärnester werden überwiegend in der Höhe gebaut, in Bäumen, oft in über 10 Metern. Ein nicht unerheblicher Anteil – von den Imkerei-Gesundheitsverbänden je nach Region auf 10 bis 30 % geschätzt – befindet sich jedoch unter 3 Metern: dichte Hecken, Brombeergestrüpp, Gartenhäuschen, unter einem Dachvorsprung, in einem Holzstapel oder sogar in einem Komposter.
Solange die Bäume belaubt sind, bleiben diese Nester unsichtbar. Deshalb löst eine Heckenschere am Teleskopstiel jeden Herbst schwere Unfälle aus: Lärm und Vibrationen werden als direkter Angriff wahrgenommen.
Was ein Stich der Asiatischen Hornisse wirklich bewirkt
Ein Mythos muss entschärft werden: Das Gift der Asiatischen Hornisse ist bei gleicher Dosis nicht giftiger als das einer Wespe. Die veröffentlichten Arbeiten und die Positionen der ANSES stimmen hier überein. Was sich unterscheidet, ist das injizierte Volumen (der Stachel ist länger, die Giftmenge größer) und vor allem die mögliche Anzahl der Stiche bei einem Angriff des Volkes, da eine Hornisse mehrfach stechen kann.
Drei klinische Szenarien, nach den von Ameli und Vidal verbreiteten Orientierungspunkten:
- Gewöhnliche lokale Reaktion: sofortiger heftiger Schmerz, Rötung, Schwellung von wenigen Zentimetern, die innerhalb von 24 bis 48 Stunden zurückgeht. Das ist mit Abstand der häufigste Fall.
- Ausgedehnte lokale Reaktion: Ödem von über 10 cm, das mehrere Tage anhält. Beeindruckend, aber selten gefährlich – außer bei Lokalisation an Hals, Mund oder Auge, was einen sofortigen Notruf (in Frankreich die 15) erfordert.
- Generalisierte allergische Reaktion (Anaphylaxie): Nesselsucht abseits der Einstichstelle, Gesichtsschwellung, Atemnot, Blutdruckabfall, Kreislaufkollaps. Absoluter lebensbedrohlicher Notfall. Sie betrifft je nach Schätzung etwa 0,3 bis 3 % der Bevölkerung und kann auch bei jemandem auftreten, der zuvor bereits problemlos gestochen wurde.
Die jährlich in Frankreich erfassten Todesfälle nach Hautflüglerstichen – in der Größenordnung von 10 bis 20 laut Sterblichkeitsdaten – sind in ihrer überwältigenden Mehrheit anaphylaktische Schocks, keine massiven Vergiftungen.
Das richtige Vorgehen nach einem Stich
- Sich ruhig entfernen, ohne hektische Bewegungen: Hornissen setzen Alarmpheromone frei, die Artgenossen herbeirufen.
- Ringe und Armbänder abnehmen, bevor die Schwellung einsetzt.
- Einige Sekunden lang eine Wärmequelle annähern (die Glut einer Zigarette aus Abstand, ein Haartrockner): Das Gift ist hitzeempfindlich.
- Mit Wasser und Seife waschen, Kälte auflegen mit einem in ein Tuch gewickelten wiederverwendbaren Gelkissen.
- Die Person mindestens 30 Minuten lang beobachten.
Wer bereits als Allergiker diagnostiziert ist, muss seinen vom Allergologen verschriebenen Adrenalin-Autoinjektor ständig bei sich tragen – und das Leseteam muss wissen, wo er sich befindet. Eine Hyposensibilisierung (Gift-Immuntherapie) existiert und ist hochwirksam: Sie wird nach einer generalisierten Reaktion mit einem Allergologen besprochen.




