Einleitung: eine zweite exotische Hornisse, von der vor fünf Jahren noch niemand sprach
Wenn von invasiven Hornissen in Frankreich die Rede ist, denken alle an die Asiatische Hornisse. Seit zwanzig Jahren beherrscht Vespa velutina nigrithorax die Medien, die Bekämpfungspläne der Départements und die Rechnungen der Schädlingsbekämpfer. Doch seit 2021 hat sich eine zweite Art still und leise an der Mittelmeerküste angesiedelt, und ihre Ausbreitung beschleunigt sich: die Orientalische Hornisse, Vespa orientalis.
2021 erstmals im französischen Mutterland in Marseille nachgewiesen, anschließend in mehreren Vierteln der Bouches-du-Rhône dokumentiert und im Lauf der Jahreszeiten weiter westlich und nördlich gemeldet, ist diese rotbraun-gelbe Hornisse längst keine entomologische Kuriosität mehr. 2026 wird sie vom Muséum national d'Histoire naturelle über das Inventaire national du patrimoine naturel (INPN) sowie durch Citizen-Science-Programme aktiv überwacht, insbesondere durch Projekte des INRAE und regionaler Imkerverbände.
Dieser Artikel will keine weitere Panik schüren. Er soll das liefern, was den Bewohnerinnen und Bewohnern Südfrankreichs, den Imkern und den Hausverwaltungen tatsächlich fehlt: die Art sicher erkennen, verstehen, wo sie nistet, das reale Risiko einschätzen und vor allem korrekt melden. Denn bei einer Art am Anfang ihrer Ausbreitung sind Bürgerdaten genauso viel wert wie ein nationaler Aktionsplan.

Wer ist Vespa orientalis?
Die Orientalische Hornisse stammt aus dem Nahen und Mittleren Osten und ist vom östlichen Mittelmeerraum bis nach Zentralasien und zum Horn von Afrika weit verbreitet. In Griechenland, der Türkei, auf Zypern, in Israel und Ägypten kommt sie seit Langem vor. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie sich nach Westen ins Mittelmeer ausgebreitet: Italien (Rom, Sizilien, Ligurien), Spanien und schließlich Frankreich.
Ihre Biologie ähnelt in den Grundzügen der anderer europäischer Hornissen:
- eine Gründerkönigin überwintert allein und beginnt im Frühjahr ein Nest;
- die Kolonie wächst den ganzen Sommer über;
- der Populationsgipfel wird im Spätsommer und Frühherbst erreicht, je nach Bedingungen mit mehreren Hundert bis einigen Tausend Individuen;
- danach bringt die Kolonie Geschlechtstiere hervor und stirbt mit den ersten Kälteeinbrüchen ab; nur die Jungköniginnen überleben.
Der Unterschied liegt in ihrer Ökologie: Vespa orientalis ist eine thermophile und xerophile Art, die sich in heißen, trockenen Klimazonen wohlfühlt. Genau in diese Richtung entwickelt sich ein großer Teil des französischen Mittelmeerraums, weshalb Marseille ihr einen nahezu idealen Lebensraum bietet. Zudem verträgt sie städtische Umgebungen ausgezeichnet – was die Lage nicht verbessert.
Sie sicher erkennen
Das ist der entscheidende Punkt, denn die Mehrzahl der Fehlmeldungen beruht auf Verwechslungen. Drei Arten leben heute im Süden Frankreichs nebeneinander.
| Kriterium | Orientalische Hornisse (V. orientalis) | Asiatische Hornisse (V. velutina) | Europäische Hornisse (V. crabro) |
|---|---|---|---|
| Größe der Arbeiterin | 25–30 mm | 20–25 mm | 25–30 mm |
| Vorherrschende Farbe | Einheitlich rotbraun | Überwiegend schwarz | Rotbraun, schwarz und gelb |
| Hinterleib | Breites leuchtend gelbes Band auf den hinteren Segmenten | Ein einziger klar abgesetzter orangefarbener Ring am Hinterleibsende | Deutliche gelb-schwarze Streifen |
| Kopf / Gesicht | Gelb | Orange | Gelb |
| Beine | Rotbraun | Sehr auffällige gelbe Beinenden | Rotbraun |
| Thorax | Rotbraun, ohne deutliches Schwarz | Samtig schwarz | Rotbraun und schwarz |
Die verlässliche Faustregel: Die Asiatische Hornisse trägt „gelbe Socken" und hat einen schwarzen Thorax; die Orientalische Hornisse ist rotbraun mit einem breiten, klaren gelben Gürtel auf dem Hinterleib; die Europäische Hornisse ist bunter gezeichnet.
Ein Punkt, den Naturkundler häufig betonen: Die Orientalische Hornisse besitzt ein gelbes Band auf der Kopfoberseite und eine gelbe Hinterleibszone, die bei manchen Individuen auf Licht reagiert. Aus der Nähe betrachtet wirkt das Insekt insgesamt rotbraun und goldfarben – ein deutlich anderer Eindruck als bei der klar dunkleren Asiatischen Hornisse.
Um zu beobachten, ohne sich zu nähern, leistet ein kompaktes Fernglas echte Dienste: Damit lassen sich die Farbmerkmale auf fünf bis zehn Meter Entfernung feststellen – genau der Sicherheitsabstand, den man einhalten sollte. Und wer bei der Bestimmung von Hautflüglern im Garten tiefer einsteigen möchte, fährt mit einem Insektenbestimmungsbuch aus dem Hause Delachaux oder den éditions Quae zuverlässiger als mit Online-Diskussionsgruppen, in denen Verwechslungen schnell die Runde machen.
Wo nistet sie? Der entscheidende Unterschied
Genau hier verändert die Orientalische Hornisse die Lage gegenüber der Asiatischen Hornisse.
Die Asiatische Hornisse baut typischerweise ein voluminöses Freinest, oft hoch in einem Baum, sichtbar, sobald das Laub gefallen ist. Die Orientalische Hornisse bevorzugt dagegen dunkle, geschützte Hohlräume:
- Rollladenkästen;
- Kriechkeller, Keller, Schächte;
- Mauerhohlräume, Hohlziegel, Trockenmauern;
- Erdbauten und unterirdische Hohlräume;
- Komposter, Gartenhäuser, Materialhaufen, unterirdische Zählerschächte;
- Baumhöhlen.
Sehr konkrete praktische Folge: Das Nest wird oft zu spät entdeckt, nämlich beim Öffnen von irgendetwas. Ein Rollladenkasten, eine Kriechkellerklappe, ein Garagenkeller. Die gemeldeten Einsätze in Marseille und den Nachbargemeinden betreffen häufig Kolonien im Gebäudebestand, mitunter nur wenige Zentimeter von einem Wohnraum entfernt.
Weitere Konsequenz: Es gibt kein Äquivalent zum Reflex „Ich entdecke das Nest im November von meinem Garten aus." Die Überwachung erfolgt über die Beobachtung des Flugverkehrs – ein regelmäßiges Hin und Her von Insekten zu ein und derselben Öffnung, früh am Morgen oder am späten Nachmittag, ist das verlässlichste Signal.
Wie hoch ist das Risiko für Anwohner?
Man sollte sachlich bleiben. Die Orientalische Hornisse ist nicht giftiger als andere Hornissen. Ihr Stich ist schmerzhaft und verursacht ein lokales Ödem; die tatsächliche Gefahr hängt von zwei Faktoren ab: der Zahl der Stiche und einer bestehenden Allergie der gestochenen Person.
Nach den Referenzdaten, auf die die Assurance Maladie (Ameli) und Vidal zu Hautflüglerstichen verweisen:
- ein einzelner Stich bei einer nicht allergischen Person wird lokal behandelt (Kühlung, Desinfektion, Schmerzmittel);
- ein Stich im Mund oder Rachen erfordert einen sofortigen Anruf bei der 15;
- mehrfache Stiche (in der Regel mehr als ein Dutzend, bei Kindern weniger) können eine systemische toxische Reaktion auslösen und erfordern medizinische Versorgung;
- eine generalisierte allergische Reaktion – ausgedehnte Nesselsucht, Gesichtsschwellung, Atemnot, Kreislaufkollaps – ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der bei bereits diagnostizierten Personen mit einem Adrenalin-Autoinjektor behandelt wird.
Das Besondere an der Orientalischen Hornisse ist also nicht ihr Gift, sondern die Nähe ihrer Nester zu Wohnräumen. Eine Kolonie in einem Rollladenkasten bedeutet ein weit höheres Risiko einer versehentlichen Störung als ein Nest in zwölf Metern Höhe in einer Platane.
Für Menschen, die in betroffenen Gebieten regelmäßig im Garten arbeiten, ist ein Erste-Hilfe-Set mit Kompressen, Antiseptikum und Sofort-Kältekompresse keineswegs übertrieben – es leistet ohnehin bei Wespen, Bienen und Splittern gute Dienste. Wer bereits als allergisch bekannt ist, sollte das vom Allergologen verordnete Notfallset ständig bei sich tragen und es vor jeder Saison erneuern.



